Lebensretter in der Kritik: alles Wissenswerte über den eCall

Lebensretter in der Kritik: alles Wissenswerte über den eCall

25. September 2017

Eine neue EU-Vorschrift hält Einzug in Europas Pkw: Ab März 2018 müssen Neuwagen mit dem sogenannten eCall-System ausgerüstet sein, das bei einem Unfall automatisch einen Notruf absetzt. Was zunächst sinnvoll klingen mag, sorgt im Vorfeld aber auch für Kritik. Wir erklären, was hinter dem eCall (Kurzform für emergency call) steckt und was Kritiker befürchten.

So funktioniert eCall

Das eCall-System besteht aus einer Box mit einer Mobilfunkeinheit, einem GPS-Empfänger und einem Antennenanschluss. Gerät das Fahrzeug in einen Unfall, werden automatisch die Standortdaten, der Zeitpunkt, die Zahl der Insassen und die Art des Treibstoffs an die Notfallzentrale 112 übermittelt. Ausschlaggebende Faktoren sind unter anderem das Auslösen der Airbags, aber auch Sensoren an bestimmten Stellen des Autos, damit nicht schon leichte Kollisionen zu einem eCall-Alarm führen.

Das System soll außerdem manuell über einen Notfallknopf vom Fahrer betätigt werden können. Auch eine Sprechverbindung wird hergestellt, so dass die Rettungsleitstelle weitere Informationen von den Insassen erhalten kann.

Warum das Ganze?

Ziel des eCall-Systems ist es, die Zeit zwischen Verkehrsunfall und Eintreffen der Rettungskräfte europaweit deutlich zu verkürzen. Die EU-Kommission glaubt, dieses Intervall um 50 bis 60 Prozent reduzieren und so viele Leben retten zu können. 2014 kamen in der gesamten EU 25.700 Menschen auf den Straßen um. Hoffnung der Verantwortlichen ist es, diese Zahl um bis zu zehn Prozent senken zu können.

Kritiker hingegen geben zu bedenken, dass vor allem in dicht besiedelten Ländern wie Deutschland ohnehin nur wenig Zeit zwischen Autounfall und Absetzen des Notrufs vergeht. Unbemerkte Unfälle auf einsamen Landstraßen seien eher die Seltenheit.

Der Einbau liegt beim Hersteller

Die Verantwortung für die Ausrüstung von Neuwagen mit eCall liegt bei den Autobauern. Viele Hersteller haben bereits eigene Notfallsysteme, darunter BMW, Mercedes, Opel oder Volvo. Anstelle von 112 sind diese Systeme in der Regel an markeneigene Callcenter gekoppelt, die bei Bedarf den Rettungsdienst verständigen oder einen Abschleppwagen schicken. Die Kosten für eCall schätzt die EU-Kommission auf rund 100 Euro pro Wagen, die die Hersteller tragen sollen. Kritiker allerdings erwarten, dass die Kosten auf die Neuwagenpreise umgelegt werden und somit letztlich beim Verbraucher landen.

Thema Datenschutz: Fragen über Fragen

In der Kritik steht das eCall-System aber vor allem deshalb, weil unklar ist, was mit den übermittelten Informationen geschieht. So befürchten Datenschützer, dass Bewegungsprofile erstellt oder Geschwindigkeiten aufgezeichnet werden. Ist eCall also der erste Schritt zum gläsernen Autofahrer? Auf der anderen Seite tragen die meisten Autofahrer mit ihrem Smartphone ohnehin permanent einen GPS-Tracker bei sich, auch hier sind die Folgen für den einzelnen Verbraucher noch unabsehbar.

Gegen die Kritik wehrt sich der Gesetzgeber und versichert, bei eCall handle es sich um ein sogenanntes schlafendes System, das erst im Einsatzfall aktiv werde und vorher keine Daten übermittle. Auch sollen keine Informationen gespeichert werden. Ob sich die Datenschützer durch diese Aussage beruhigen lassen, scheint fraglich. Denn ist das einer Blackbox ähnliche System erst einmal installiert, könnten Begehrlichkeiten von Behörden und Unternehmen geweckt werden, die alle unterschiedliche Interessen an den wertvollen Profilen haben. Eine manuelle Ausschaltung des eCall-Systems ist im Übrigen nicht vorgesehen.

Bild: bizoo_n/istock

 

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