Pflegereform: Immer mehr Menschen beanspruchen Leistungen

Pflegereform: Immer mehr Menschen beanspruchen Leistungen

12. Oktober 2017

Wer ist pflegebedürftig? Seit Beginn des Jahres 2017 gibt es darauf eine neue Antwort und eines steht bereits fest: Die Zahl der Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen, ist stark gestiegen. Wie der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) im September mitteilte, haben von Januar bis Juli 2017 175.000 mehr Menschen erstmals Pflegeleistungen erhalten, als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Was hat sich geändert?

Der Jahreswechsel 2016/2017 brachte einige Neuerungen für die 2,9 Millionen Empfänger von Pflegeleistungen und ihre Angehörigen in Deutschland mit sich. Nach einem über zehn Jahre andauernden Prozess wurde die weitreichendste Reform seit der Einführung der Pflegeversicherung (1995) beschlossen. Betroffene dürfte vor allem die Frage interessieren, was sich für sie geändert hat – und das ist eine Menge.

Der wichtigste Punkt: Der Begriff der Pflegebedürftigkeit hat sich gewandelt und wird nun auch auf geistige und psychische Einschränkungen ausgeweitet. Das betrifft vor allem Demenz- und Alzheimererkrankte.

Neues Begutachtungsverfahren

Ebenfalls neu: Die bisherigen drei Pflegestufen wurden in fünf Pflegegrade umgewandelt. In Verbindung mit dem Pflegestärkungsgesetz II wird Pflegebedürftigkeit neu definiert. Laut MDK ist im Begutachtungsverfahren nun Folgendes entscheidend: „Maßstab soll nicht mehr der Hilfebedarf in Minuten, sondern der Grad der Selbstständigkeit eines Menschen sein. Denn das neue Verfahren stellt den Menschen, seine Ressourcen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt. Es wird gefragt, wie seine Selbstständigkeit erhalten und gestärkt werden kann und wobei er Hilfe und Unterstützung benötigt. Der Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung, bei der Tagesgestaltung und Haushaltsführung sowie bei sozialen Kontakten und außerhäuslichen Aktivitäten werden im Begutachtungsverfahren festgestellt. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff geht daher von einer neuen Begutachtungsphilosophie aus.“ Wie du dich auf eine Pflegebegutachtung vorbereiten kannst, erfährst du hier.

Die 6 Bereiche

Konkret werden beim Begutachtungsverfahren sechs verschiedene Module unter die Lupe genommen, die in Teilaspekte untergliedert sind:

  1. Mobilität
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  4. Selbstversorgung
  5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

Für alle sechs Bereiche werden Punkte vergeben. Aus der Summe erfolgt dann die Zuordnung in einen der fünf Pflegegrade. Pflegegrad 1 greift hier früher als die Pflegestufe 1. Bisher Leistungsberechtigte wanderten im neuen System bei körperlichen Beeinträchtigungen in der Regel um einen Grad nach oben. Bei demenziellen Erkrankungen waren es zwei Grade.

Erhöhung der Leistungen

In den meisten Fällen gab es auch eine Erhöhung der Leistungen zu verzeichnen. Der Maximalbetrag für ambulante Pflegebedürftige stieg beispielsweise von 728 Euro (Pflegestufe 3) auf 901 Euro (Pflegegrad 5) pro Monat.

Von Januar bis Juli 2017 empfahlen die unabhängigen MDK-Gutachter bei 432.000 Versicherten, die das erste Mal begutachtet wurden, einen der fünf Pflegegrade nach dem neuen Begutachtungsverfahren. Im April war der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen noch davon ausgegangen, dass im gesamten Jahr 200.000 Menschen zusätzliche Leistungen bekommen, die ohne Reform nicht berücksichtigt worden wären.

Bild: fzant/istock

 

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